Erlebnisse am Bahnhof Angermünde

Nach einer relativ langen Zugfahrt komme ich an den wohl am stärksten nach Pisse stinkenden Bahnhof Deutschlands an – Angermünde. Die Bahnsteige wurden zwar mittlerweile saniert, die stinkende Bahnhofshalle mit der Kleinstadt-Tristesse jedoch blieb.

„Weiter geht es nur mit dem Schienenersatzverkehr“ schreit es mir leicht verzerrt aus den Lautsprechern entgegen. Geil denk ich mir, gefangen in diesem Loch. Glücklicherweise leben wir heute in einer Zeit, wo man mit Mobiltelefonen schnell Probleme lösen kann.

Mein Abholer braucht immerhin runde 20 Minuten bis er ankommt, also genug Zeit für mich erstma den Bahnhof ordentlich zu checken. Nachdem ich 5 Minuten lang vergebens nach einer Sitzgelegenheit im Trockenen gesucht habe, gebe ich entnervt auf. Auf dem Fahrplan stehen Direktverbindungen nach Amsterdam, Hamburg und Hannover. Aber es gibt hier nicht mal eine Bank? Mir bleibt also nichts anderes übrig, als in der Ecke zu lungern und die Jungs und Mädels auf dem Bahnhofsvorplatz zu beobachten.

Sofort fällt mir auf, dass die Mädels wohl alle den gleichen Frisör haben: Zweifarbig coloriertes Haar im Vokuhila (ver)schnitt oder als Hochsteckfrisur. Der letzte Solariumbesuch schien ebenfalls noch nicht so lange zurück zu liegen. Solariumbesitzer müsste man hier sein! Die Jungs dagegen haben wohl alle ein Silberketten-Syndrom, es hat jedenfalls jeder eine um den Hals.

Liebe Jungs und Mädels aus Angermünde: Ist es nicht extrem bescheuert, irgendwelchen Kleinstadt-Trends hinterzulaufen? Habt ihr denn keinen Bock auf Individualität? Oder ist es einfach der so oft zitierte Gruppenzwang?

Gut, als ich 18 war, fand ich es auch noch lustig, mit lauter Techno-Musik durch die Stadt zu fahren und auf irgendeine bescheuerte Art und Weise aufzufallen. Aber spätestens mit 19 1/2 hatte ich gelernt, dass es weder rebellisch, cool oder sonst irgendwas ist. Es ist einfach nur bescheuert! Die Typen, die hier am Bahnhof stehen, gehen aber stramm auf die 30 zu und sind noch immer am prahlen, dass ihr alter Polo nur noch 2mm Spielraum zwischen Frontlippe und Straße hat. Mit der Arroganz eines Studenten der schon was von der Welt gesehen hat kann ich sagen: Jungs, ihr habt wirklich was erreicht in eurem Leben!

Noch bevor ich die Diskussion über das nächste Autotuning-Paket zu Ende hören kann, holt mich auch schon mein Papa und reißt mich damit aus diesem Schauspiel. Endlich gehts in das nächste Dorf: Stendell.

Update vom 23.Juli 2011: Inzwischen wurde der Bahnhof umfassend saniert und erstrahlt in neuem Glanz. Die Bahnsteige sind saniert, der Tunnel stinkt nicht mehr nach Fäkalien und auch gibt es jetzt Sitzgelegenheiten im Trockenen. Es gibt inzwischen sogar eine direkte ICE-Verbindung von Angemünde nach München.