Pelmini, Vodka und viel Abenteuer

Schon seit längerem wollte ich mal eine Tour nach Osteuropa machen und meine alten Russisch-Kenntnisse auf ihre Praxistauglichkeit prüfen. Nun bot sich die perfekte Gelegenheit, denn meine Freundin und ich wurden zu einer Hochzeit im äußersten Osten von Polen eingeladen. Also entschlossen wir uns, vorher einen Abstecher in die Ukraine zu machen und uns von Kiew über Lwiw (Lemberg) ins polnische Lublin vorzuarbeiten.

Wie es der Zufall so will, sind wir genau zum Unabhängigkeitstag in Kiew eingetroffen. Das große Feuerwerk auf dem Unabhängigkeitsplatz (Майдан Незалежності) haben wir zwar verpasst, aber dafür verbrachten wir den ersten Abend mit Verwandten von Karo in einem netten Restaurant nahe dem Olympiastadion (Олімпійський).

Der erste Eindruck von Kiew war eher gespalten. Das Stück Autobahn zwischen dem Flughafen (Borispol) und Kiew war vierspurig (pro Fahrtrichtung) und in einem hervorragenden Zustand. Auch die Straßen in Kiew wirkten sehr sauber.

Die Häuser waren aber eher weniger schön anzusehen. Es gab zwar einige Bauten im Stil des Sozialistischen Klassizismus (ähnlich wie beim Frankfurter Tor in Berlin), aber meistens überwiegt doch eher der sanierungsbedürftige Plattenbau. Was mich aber am meisten irritiert hat, war die Mentalität der Leute. Nur sehr selten hat man ein lächelndes Gesicht gesehen und die Leute wirkten irgendwie so emotionslos.

Sonntag – Kiew anschauen

Wir starten unsere Sightseeing-Tour mit einem Frühstück auf dem Unabhängigkeitsplatz. Hier sieht man ein paar schöne Gebäude aus früheren Zeiten, ansonsten wirkte der Platz aber sehr zugebaut. Am Ostende des Platzes verläuft die Chreschtschatyk (Хрещатик), eine der zentralen Verkehrsachsen der Stadt. Diese Straße war heute für den Autoverkehr gesperrt, so dass wir darauf flanieren konnten. Nach gut einem Kilometer kamen wir zu einem eher unspektakulären Lenin-Denkmal, dessen Verbleib aber durchaus diskutiert wird.

Kiew Chreschtschatyk

Anschließend liefen wir zum Goldenen Tor von Kiew (Золоті ворота) an der ehemaligen Stadtmauer. Die Mauer gibt es schon lange nicht mehr, aber das Tor hat man wieder hergerichtet. Im Inneren findet man eine kleine Ausstellung zu den Ausmaßen von Kiew in den verschiedenen Epochen. Über eine Treppe kann man nach oben gehen und einen schönen Ausblick genießen, ansonsten gibt es da nicht so viel zu sehen.

Danach liefen wir weiter zur Sophienkathedrale. Diese steht auf der Liste zum UNESCO-Weltkulturerbe und war durchaus sehenswert. Der Innenraum der Kathedrale hat mich sehr an die Hagia Sophia in Istanbul erinnert, nach dessen Vorbild sie auch erbaut wurde. Die Kathedrale wird heute nicht mehr für religiöse Zwecke genutzt sondern dient ausschließlich als Museumskomplex.

Unweit der Sophienkathedrale ist eine bekannte Straße für den Kauf von Trödel, der Andrejevski Abstieg (Андріївський узвіз). Diese Straße schlängelt sich von der Oberstadt runter zu dem Stadtteil Podil. Die Straße ist hübsch anzusehen, denn viele Häuser wurden kürzlich modernisiert. Die Häuser, die noch nicht renoviert sind, werden einfach eingerüstet und mit einem entsprechenden Vorhang versehen. Wenn man unten angekommen ist, kann man gleich mit einer Standseilbahn (Київський фунікулер) wieder hochfahren, aber wir hatten darauf keine Lust. Stattdessen haben wir kurz den Kiew Marathon verfolgt, waren einkaufen und sind dann mit qualmenden Socken zu unserer Unterkunft gefahren. Den Abend haben wir dann noch mit Karos Cousine und ihrem Freund in einer Brauerei verbracht. Dort gab es nicht nur leckeres Bier sondern auch leckeren Schweinebraten. 🙂

Auch am nächsten Tag wollten Karos Verwandte unbedingt etwas mit uns machen und so haben wir uns überreden lassen, eine Fahrradtour zum Freilichtmuseum Pyrogiv (Museum für Volksarchitektur und Sitten der Ukraine) zu machen. Die Tour dorthin hatte es durchaus in sich, denn Kiew ist auf mehreren Bergen gebaut. Zudem sind wir in einem Wald auf eine verlassene Sternwarte aus sowjetischen Zeiten gestoßen. Echt abgefahren! Durch einen Hintereingang sind wir anschließend mit unseren Fahrrädern kostenlos ins Museumsdorf gekommen. Das Gelände ist echt riesig und ich frage mich, wie man sich das überhaupt ohne Fahrrad anschauen kann. Die Häuser und Kirchen wurden aus allen Landesteilen der Ukraine geholt und dort wieder aufgebaut. Teilweise waren die Häuser auch mit Personen in historischen Klamotten ausgestattet, so dass man denen bei ihrer Arbeit zuschauen konnte.

Museumsdorf Pyrogiv

Auf dem Rückweg nach Kiew haben wir noch einen Abstecher zur Kathedrale von St. Pantaleon (Пантелеймонівський собор) gemacht, ehe wir dann am Nachmittag wieder in Kiew eintrafen. Obwohl wir zu diesem Zeitpunkt bereits über 35 Kilometer in den Knochen hatten, sind wir noch zum Höhlenkloster (Києво-Печерська лавра) gefahren. Die nächstgelegene U-Bahn Station ist Arsenalna (Арсенальна), welche laut Wikipedia mit 105.5 Metern die tiefste U-Bahn Station der Welt ist. Und tatsächlich, man muss hier zwei elendig lange Rolltreppen hinauf fahren, um ans Tageslicht zu kommen.

Kiew Metro

Beim Höhlenkloster konnten wir aufgrund der Uhrzeit nur noch das Gelände betreten. Aber unsere Motivation noch große Unternehmungen zu machen, war ohnehin nicht mehr so groß. Am Abend waren froh in unsere Betten zu fallen.

Mehr Sightseeing in Kiew und Weiterfahrt

Am Dienstag sollte unser letzter Tag in Kiew sein, denn am Abend ging es per Nachtzug nach Lwiw (Lemberg). Zunächst fuhren wir zum Bahnhof (вокзал) um unsere e-Tickets gegen richtige Fahrscheine einzutauschen. Der Bahnhof erinnert von der Architektur her an die Grand Central Station in New York. Es gibt hier sogar riesige (kostenpflichtige) Wartesäle, die man an deutschen Bahnhöfen vergeblich sucht. Bei knapp 30 Schaltern mit komischen Bezeichnungen haben wir erst nicht durchgesehen, aber letztendlich hatten wir ohne fremde Hilfe den richtigen Schalter gefunden. Irgendwas war wohl komisch mit unseren e-Tickets, aber die Frau hinter dem Tresen wollte nicht langsamer mit uns sprechen. Sie gab uns ein paar Zettel und schmiss anschließend die Rollläden von ihrem Schalter zu. Wie wir später bemerkten, waren das die Tickets und die Frau wollte einfach nur pünktlich ihre Mittagspause beginnen.

Nachdem wir auch noch die Taschen am Bahnhof verstauten, fuhren wir erneut mit der U-Bahn nach Arsenalna. Ich wollte mir unbedingt noch das Nationale Museum der Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges (Національний музей історії Великої Вітчизняної Війни) anschauen. Schon alleine der Name klingt bedeutsam, oder? Bei uns würde man es einfach das Museum über den 2.Weltkrieg nennen. Auf dem Museumskomplex steht auch noch die Mutter-Heimat-Statue (Батьківщина-Мати), welche die Freiheitsstatue von New York noch um 10 Meter überragt. Bei der Ankunft auf dem Museumskomplex schmettern uns patriotische Lieder entgegen, welche zusammen mit den ausgestellten Panzern und Raketenwerfern durchaus Begeisterung bei mir auslöste. Leider darf man auch hier keine englischen geschweige denn deutschen Erklärungen erwarten, aber die vielen originalen Dokumente aus der Zeit des Krieges (auch deutsche Flugblätter und Feldpost) haben das wieder gut gemacht.

Der Besuch bei dem Höhlenkloster (Києво-Печерська лавра) entpuppte sich als absoluter Reinfall. Erst kämpften wir uns den Weg runter zum Eingang, um dann von wortkargen Frauen die Tür zugeknallt zu bekommen. Anhand eines Zettels an der Tür haben wir erfahren, dass heute nur bis 15.00 Uhr auf ist. So sieht die ukrainische Informationspolitik aus.

Die letzten Stunden in der Stadt nutzten wir noch für eine Stadiontour im Olympiastadion. Für 50 UAH pro Person haben wir sogar eine englische Führung gehabt, die durchaus empfehlenswert ist. Den heiligen Rasen durften wir nicht betreten, aber dafür die Umkleiden und den Business Bereich. Nach einem Abendbrot in unserem Lieblingsrestaurant Вареничная „Катюша“ führen wir zurück zum Bahnhof, um pünktlich in unseren Nachtzug nach Lwiw einzusteigen.

Olympiastadion Kiew

Mittwoch – Ankunft in Lwiw

Die Zugfahrt war bis auf ein paar klappernde Kleiderbügel äußerst erholsam, so dass wir gut ausgeschlafen um 6.30 Uhr in Lwiw eintrafen. Der Weg vom Bahnhof zu unserer Unterkunft bei Ihor haben wir mit dem Taxi abgelegt, da Karo mit ihrem Charme einen polnischsprachigen Taxifahrer einen extrem guten Preis rausgehandelt hat. Unser Gastgeber Ihor war deutlich gesprächiger als der Durchschnitts-Ukrainer, so dass wir schon mit einem guten Gefühl in den Tag starteten. Auch die Stadt war deutlich ansehnlicher als Kiew, auch wenn hier noch viele unsanierte Häuser stehen.

Oper Lwiw

Wir arbeiteten uns zu Fuß über die Sankt-Georgs-Kathedrale (Собор святого Юра), den Ivan-Franko-Park (Парк імені Івана Франка) und dem Palais Potocki (палац Потоцьких) bis zum Stadtzentrum vor. Durch die vielen kleinen Straßen, die Cafés und kleinen Parks wirkt die Stadt viel freundlicher als Kiew und auch die Leute schienen deutlich offener auf Touristen zu reagieren. Leider wurde die Tour durch die Oper kurzerhand abgesagt („Tut uns Leid wir machen doch nicht die geplante Tour“), dafür haben wir uns die weiteren Sehenswürdigkeiten wie den Markplatz (Площа Ринок) mit dem Rathaus oder einige der unzähligen Kathedralen angeschaut. Da unsere Zeit in Lemberg knapp bemessen war, haben wir auch noch den Schlossberg bestiegen. Das Schloss steht dort zwar nicht mehr, aber eine Aussichtsplattform auf 413 Metern Höhe ist geblieben.

Schlechtes Wetter in Lwiw

Am Donnerstag haben uns heftige Regenwetter geweckt, was nicht gerade förderlich für unsere Motivation war. Trotzdem haben wir uns mit dem Trolleybus bzw. der Straßenbahn bis zum Lytschakiwski-Friedhof (Личаківський цвинтар) vorgekämpft. Dort liegen polnische Helden begraben, die für die Verteidigung der damaligen polnischen Stadt Lwów gekämpft haben.

Anschließend mussten wir kämpfen, um noch unseren Bus nach Lublin zu schaffen. Dafür haben wir uns erneut ein Taxi gegönnt. Das hier andere Maßstäbe hinsichtlich der Sicherheit an Autos gelten, hatten wir ja schon mitbekommen. So haben wir uns auch nicht darüber gewundert, dass unser Taxi einen riesigen Sprung in der Frontscheibe hatte und die Sicherheitsgurte nicht wirklich funktionierten. Als dann aber der Taxi-Fahrer im überfüllten Stadtverkehr seine Handbremse zur Verzögerung einsetzte, war uns doch etwas mulmig. Von dem schwammigen Fahrwerk des Autos möchte ich gar nicht mal sprechen. Immerhin hatte der Fahrer ordentlich Zeit rausgeholt, dafür gab es dann auch ein saftiges Trinkgeld von uns.

Die Busfahrt selbst war unspektakulär, wohl aber der Grenzübertritt von der Ukraine nach Polen. Als Angehöriger eines Schengen-Staates ist man das ganze Procedere ja gar nicht mehr gewöhnt. Wir mussten hier mehr als 3 Stunden die Willkür Laune der Grenzbeamten über uns ergehen lassen. So waren wir erst nach 1 Uhr in unserem Hotel in Świdnik (bei Lublin), aber das hatten wir ohnehin schon so eingeplant.

Polnische Hochzeit in Świdnik

Die folgenden zwei Tage standen ganz im Zeichen der Hochzeit von Stefan und Magda. Die beiden hatten bereits vor einer Woche mit den Vorbereitungen begonnen. Als wir am Tag vor der Hochzeit auf dem Gehöft von Magdas Eltern eintrafen, wussten wir auch warum.

Der vermeintlich kleine Pavillon zum Feiern entpuppte sich als Festzelt das man hierzulande nur vom Oktoberfest kennt. Die Band machte gerade noch ihren Soundcheck und in der extra aufgebauten Feldküche wirtschafteten ein halbes Dutzend Frauen an dem Essen für die folgenden Tage. Ich glaube beim Stadtfest in Schwedt sind weniger Leute involviert.

Am Samstagmorgen trafen dann die letzten Gäste aus Deutschland ein und dann konnte die Hochzeit auch schon beginnen. Zunächst wurde in der Kirche die Trauung vollzogen. Von dem religiösen Hintergrund habe ich nicht viel verstanden, aber für die Katholiken war es ein sehr bewegender Moment. Stefan musste auch noch auf Polnisch sein Ehegelübde ablegen, aber das hat er sehr gut gemeistert.

Anschließend fuhren alle Gäste zum Festzelt und dann ging die Feier richtig los. Es wurde viel gegessen, viel getanzt und natürlich auch viel getrunken. Ich habe mich, wie die meisten Gäste, für den Wodka entschieden und das war auch eine gute Entscheidung. So haben wir auch viel mit den Polen angestoßen und ich hatte einen katerfreien Sonntag. Ganz nebenbei habe ich gleich noch ein paar Brocken polnisch gelernt. Immerhin bis um 4 Uhr haben wir durchgehalten, aber es wurde wohl bis um 6 Uhr gefeiert.

Am Sonntag war dann für uns schon wieder Abreise. Wir hatten uns für den Zug entschieden und fuhren mit dem Berlin-Warschau Express der Abendsonne entgegen. Die Zugfahrt war entspannend und genau das richtige, um nach dieser aufregenden Reise wieder etwas runterzukommen. Um Mitternacht waren wir schließlich wieder in Berlin und haben damit unseren Osteuropa-Trip beendet.

Fazit der Expedition

Alles in allem fahre ich mit gemischten Gefühlen nach Hause. Kiew ist eine stressige Großstadt mit nur wenigen Höhepunkten. Die Leute waren sehr verschlossen und die Informationspolitik sehr nervig. An Bushaltestellen sucht man vergeblich Informationen darüber, wohin die ganzen Busse fahren. In Restaurants bekommt man erst die Preise zu Gesicht, wenn man an seinem Platz die Speisekarten bekommt. In den Museen ist alles in Ukrainisch und es gibt nur sehr wenig auf Englisch. Dafür war Lwiw ein absolutes Highlight, das ich durchaus weiterempfehlen kann.

Auch die zwei Tage in Lublin (Świdnik) waren sehr schön. Die Leute sahen viel Glücklicher aus und vom Zustand der Infrastruktur liegen Welten zwischen Polen und der Ukraine. Von der abgefahrenen Hochzeit möchte ich gar nicht sprechen. Ich möchte mir Kiew gerne nochmal in ein paar Jahren anschauen, um zu sehen, wie sich die Stadt und die Leute verändert haben.

Erkenntnisse: Varenichnaya Katusha ist eine echt leckere Restaurant-Kette, wo es einheimische Kost zu günstigen Preisen gibt.

20 Minuten Umsteigezeit reichen aus, um am Flughafen Riga von einem Flieger zum anderen zu kommen.

Hochzeiten werden in Polen an mehreren Tagen hintereinander gefeiert.